Die Unimat SL - über das "Schweizer Taschenmesser" im Hobby-Maschinenbau.

gefertigt von Reinhold Ege , Februar 2006   gesponsort von MacEge's Bagpipes :
http://www.macege.de und http://www.dudelsack-bagpipe.de
A Lathe in a Suitcase

Aus der Sammlung der Joe Martin Foundation, ausgestellt in den Räumen der Sherline Products Incorporation Factory in Vista, California.
Copyright www.craftsmanshipmuseum.comUnimat SL in der Holzkiste

Es ist das zweitletzte SL-Modell von American Edelstaal Inc, vertrieben von Sears and Roebuck, abgebildet (hammerschlag-grün, aber noch mit Alu-Handrädern).
Es ist ein schönes Stück, um das man den Besitzer beneiden kann.

 
So sieht der Traum eines Unimat SL - Fans aus und so oder ähnlich wurde sie auch 1954 bis 1977 von der österreichischen Maschinenfabrik EMCO in einer Stückzahl von fast 400.000 gefertigt und weltweit ausgeliefert.

Wobei "a lathe" untertrieben ist : es ist ein UNIversal-MAchine-Tool.
Zu allererst natürlich eine Drehbank, die bereits in der Grundausstattung auch als Fräsmaschine und als Bohrständer einsetzbar ist. Früher soll sie sogar auch als Handbohrmaschine benutzt worden sein.
Durch teilweise aberwitzige Zubehörteile konnte man aus der Grundmaschine unter anderem folgende Spezialmaschinen herstellen : Uhrmacherdrehbank, Holzdrechselbank, Kreissäge, Dekoupiersäge, Hobelmaschine, Schleifmaschine, Oberfräse.
Gerüchterweise wird kolportiert, die Emco-Leute hätten auch an einem Zusatzgerät zum Kaffeekochen gearbeitet. :-)

Die Maschine hat noch heute den Ruf, innerhalb ihres Formats grosse Präzision mit nahezu unbeschränkter Vielseitigkeit zu verbinden. Vorausgesetzt, man respektiert ihre Grösse, man weiss, wie man mit ihr arbeiten muss und man nimmt sich die Zeit, die sie braucht.

Ganz kurz noch ein paar Daten :

Spitzenhöhe über Bett : 35 mm , Spitzenweite 170 mm
Antrieb 90 Watt-Motor, über Stufenscheiben 350 bis 3750 Umdrehungen
Gewicht weniger als 10 kg - jedenfalls kann man sie bequem tragen - ein Kasten Bier wiegt schwerer.

Wie kam ich zur Unimat ?
Nun, zuerst war es ein Traum, dessen Realisierung ich viele Jahre vor mir herschob. Ungefähr um 1990 war ich kurz davor, endlich eine zu kaufen, ich hatte vorab schon das Unimat-Buch von Laidlaw-Dickson erworben. Dann kam wieder etwas dazwischen, die Unimat musste warten. Und wieder vergingen ein paar Jährchen.

Im Winter 2005/06 wollte ich eine meiner Wanduhren reparieren, deren Gehwerksfeder gebrochen war. Siehe hier den Bericht : Reparatur einer Pendeluhr. Beim Zerlegen dann der Schreck : der rückwärtige Zapfen der Minutenwelle (Grossbodenrad) war ebenfalls gebrochen und musste ersetzt werden. Das geht nur mit einer Drehbank. Also, wenn nicht jetzt, wann dann?
Ich informierte mich im Internet : die Taig-Lathe war im Preis-Leistungs-Verhältnis zu teuer, zudem muss hier der Motor extra zugekauft werden. Proxxon und Wabeco, beides deutlich grössere Maschinen, waren viel zu weit jenseits meines Budgets. Sherline (http://www.sherline.com) machte einen guten Eindruck und hatte ein sympatisches Preis-Leistungs-Verhältnis: Ich suchte schon nach einem Lieferanten in Deutschland. Und dann wurden in Ebay dicht hintereinander mehrere Unimat versteigert. Ich musste mich entscheiden : Neue Sherline oder 30 Jahre alte Unimat ?
Für mich keine Frage. Zweifellos eine unvernünftige Entscheidung, aber ich mag nun mal alte Sachen.

Und hier ist sie - meine Unimat SL aus dem Besitz eines holländischen Uhrmachers :
guterhalten, kein Rost, kaum abgenutzte Farbe, alle Gewinde in Ordnung. Gut gepflegt. Ein schönes Stück!

Baujahr 1978 - also eine der letzten Unimat SL.

Das mitgelieferte Zubehör :

Alle drei Antriebsriemen waren vorhanden und in ordentlichem Zustand.

Auf dem Bild ist auf der Spindel ein Körner montiert. Zusammen mit dem anderen Körner auf dem Reitstock, der Planscheibe und dem Drehherz kann man damit zwischen den Spitzen drehen. Dann sind da noch ein Mitlaufkörner, ein Dreibackenfutter und ein Bohrfutter, sechs verschiedene Drehstähle, Schlüssel, die Vorschubstange der Pinole, der Werkzeughalter (auf dem Querschlitten montiert) und ein Maschinenschraubstock.
Die Führungssäule der Fräseinrichtung und der zugehörige Aufnahmekopf sind hier nicht abgebildet, waren aber bei meiner Maschine mit dabei.

Und das Schönste - die automatische Vorschubeinrichtung. Das ist nicht Standard und war früher eine der teuersten Zusatzeinrichtungen. Sie erkennen den Vorschub an der blanken Stange unterhalb des Querschlittens, dem zusätzlichen Rad links und dem Getriebe rechts.
Das Sammlerstück oben in der Kiste hat diese Vorrichtung nicht!
Der automatische Vorschub führt den Querschlitten in Richtung Spindelstock mit 0,05 mm Vorschub je Spindelumdrehung. Machen Sie das mal von Hand!

  meine Unimat
Als nächstes drehte ich ein paar Übungsstückchen, kleine Sachen aus Messing. Hier zeigte sich ein weiterer Vorteil der Unimat - ihre geringe Grösse.
Als Material für die gefertigten Gegenstände reichen Abfallstückchen aus: fingerlange Messingröhrchen, die Schäfte abgebrochener Holzbohrer etc.
Im Internet fand ich die passenden Bohrer für die beabsichtigte Uhr-Reparatur. Bohrer von 0,7 mm bis 1,2 mm, um 0,5 mm steigend. Nähnadeln sind oft dicker! Und Zentrierbohrer mit 0,75 mm bei einem Aussendurchmesser von 3,2 mm. Die kann ich fast nur mit der Pinzette anfassen. (Bezugsquellen : http://www.selva.de und http://www.fohrmann.com)

Hier sieht man nun den Bohrvorgang mit der Unimat SL zur Reparatur der Minutenwelle. Mehr dazu hier.

links das Dreibackenfutter spannt die Achse des Minutenrades. Das grosse Zahnrad ist gut erkennbar.
Das graue Metallteil diagonal in der Bildmitte ist eine selbstgefertigte Bohrbrille. Sie ist vorne mit einer Inbusschraube auf dem Querschlitten fest moniert. In einer Bohrung steckt ein genau passendes Messingröhrchen , in dem das Trieb (das kleine Zahnrad) geführt wird.
Rechts ist das Bohrfutter erkennbar, in dem der 0,9 mm Bohrer steckt. Der Bohrer steht still, das Werkstück (das Minutenrad) dreht sich in der Bohrbrille (und in sehr viel Öl!).
Der Bohrer wird über die Reitstockpinole in das Werkstück gedrückt.

Durch Unterlegen dünner Kartonstreifen und 1/10 mm-weises Vorschieben des Querschlittens konnte ein 0,75 mm Zentrierbohrer genau auf die Drehachse ausgerichtet werden. Nach dem Zentrieren war das endgültige Bohren dann tatsächlich eine Kleinigkeit.

Der eigentliche Bohrvorgang hat keine 5 Minuten gedauert, das Herrichten, Einrichten der Maschine und die Herstellung der Bohrbrille mit allen Umwegen dagegen mehrere Stunden.

  Bohren des Zapfenloches
Beim Bohren des Minutenzapfens zeigte es sich, dass die Maschine etwas kipplig ist und nicht sicher steht, wenn man energisch am Vorschub dreht.

Ich nahm daher die Anregung von Laidlaw-Dickson auf und fertigte aus einer 19mm dicken Multiplexplatte (Birkensperrholz) ein feste Basis an. Inzwischen steht die Unimat 3 darauf und die SL hat einen komfortablen Unterbau mit zwei Schubladen für das Zubehör.

   
Und dann bin ich natürlich voll in die Falle gedappt - gerne und ohne es zu bereuen.

Ich stellte fest, dass ich doch noch ein paar Sächelchen brauchte: eine Stehlünette zum Beispiel (aus England). Oder die verflixte Montageschraube für die Befestigung des Futters auf dem Querschlitten, die nirgends zu erhalten ist, ausser in USA. Oder die Montagewelle für Schleifscheiben und Kreissägeblätter.

   
Ich fand ein sehr gutes Forum für Unimat SL -Freunde und eines für Unimat 3 - Freunde. Weitere beachtenswerte Unimat-Seiten sind : Emco Unimat DB200 &  1000 Lathes ; Unimat SL & Unimat 3 ; Link-Seite zur Unimat .

Und dann gibt es das Programm "dejavu" ( kostenlos zum Herunterladen) , mit dem man Bücher komplett kopieren und ins Internet stellen kann. Und siehe da : die meisten der sündhaft teuren Unimat-Bücher (z.T. mehrere hundert US-$ ! ), auch die von Rex Tingey, sind im djvu-Format erhältlich! Übrigens lassen die sich auch mit dem Irfan-Viewer (kostenlos zum Herunterladen) öffnen.

  Folgende Unimat-Bücher besitze ich im Original:

Folgende als Kopie bzw. über djvu als Ausdruck:

Brice Ward (Autor) und American-Edelstaal Inc. (Herausgeber)
Miniature Machining Techniques - a general handbook and operator's manual
40 Seiten, New York, 1963 , 2.Ausgabe - eine fundierte Anleitung für die Unimat SL.

Rex Tingey
Making the Most of the Unimat, including SL and MK3
128 Seiten, Argus Books, Watford, Herts. England, 1973, 1.Ausgabe. - das berühmteste und teuerste Unimat-Buch, kostet mehr als eine Unimat SL in Sammlerqualität!

Zu meiner nicht geringen Überraschung und fast nebenher war ich dann plötzlich Besitzer einer Unimat 3 geworden. Technisch in Ordnung, aber verschmutzt, lange nicht benutzt, mit sehr viel Zubehör z.T. noch in Originalverpackung. Leider fehlt die Fräsvorrichtung......

Einhelliger Kommentar der besten Ehefrau und der kritischsten Tochter von allen: "Die alte Maschine gefällt uns besser" (gemeint ist die SL).

Aus ihrer Sicht haben sie recht: die Unimat SL hat mehr Charme. Die Unimat 3 ist "technischer" und kann vielleicht ein bisschen mehr. Allerdings ist da Rex Tingey anderer Ansicht.

   
Jedenfalls lasse ich gerade bei einem Profi-Feinmechaniker ein Zwischenstück drehen, das es mir erlaubt , alle Zubehörteile der Unimat 3 , die auf die Spindel gespannt werden ( M14 x1), auf die Spindel der SL (M12 x 1) zu spannen, also auch die Aufspannscheiben und das Vierbackenfutter.    
     
Fortsetzung folgt    
     
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