Juli 2006

hallo Leute !


Ein befreundeter Blasmusiker, traditionell ausgebildet und seit 20 Jahren im Musikverein aktiv, stellte mir ein paar Fragen über Dudelsacknoten und daraus ergab sich per em@il über Wochen eine längere Diskussion . Ich fasse sie hier kurz zusammen, denn ich denke, sie könnte für viele Piper interessant sein und auch ein Licht auf die immer wieder auftretenden Missverständnisse und Probleme mit Nicht-Pipern werfen. Wenn ich im Folgenden von Musikern rede, dann meine ich hier traditionell ausgebildete Musiker bei Musikvereinen, Musikschulen, Orchestern u.s.w.

1. Das Verhältnis zu geschriebener Musik, also zu Noten

Klassisch ausgebildete Musiker spielen nach Noten. Kein Orchester ohne Notenpulte, keine Blasmusik ohne Noten , auch beim Marschieren werden sie am Instrument oder Unterarm befestigt. Es kommt vor, dass ein Musiker ohne Noten spielt, das ist aber seltene Ausnahme.
Auch die Ausbildung und das Erlernen neuer Stücke findet nur mit Hilfe von Noten statt.

Piper dagegen spielen auswendig. Sie werden getrimmt, jedes Stück und sei es noch so schwierig, mit allen Verzierungen auswendig zu lernen und auch so vorzutragen. Traditionell verläuft auch die Ausbildung ohne geschriebene Noten anhand gesungener Tonfolgen, manchmal standardisiert als Canntaireachd. Dass heute Pipemusik in der „staff notation“ geschrieben wird, kommt eigentlich erst seit rund 100 Jahren vor und ist verglichen mit der Geschichte der Pipes eine relativ neue Entwicklung.


2. Notensysteme

Musiker verwenden das Notensystem mit 5 Notenlinien und drei Schlüsseln, erweitert durch Hilfslinien. Vorzeichen – Kreuz und B – erhöhen bzw. vermindern entsprechende Töne um jeweils einen Halbton. Jeder Ton des gesamten Tonvorrats lässt sich mit diesem System in der Tonhöhe genau festlegen. Tabulaturen und vergleichbare Notierungssysteme kommen nur in Ausnahmefällen für bestimmte Instrumente in Anwendung.

Piper verwenden zum Lernen und Weitergeben von Melodien und als Gedächnisstütze ein vereinfachtes Notensystem mit 5 Linien und einer Hilfslinie. Es kommt nur der G-Schlüssel zur Anwendung. Die Bordunen (drones) werden nicht notiert. Vorzeichen werden nicht notiert, allerdings verlangen seit rund 10 Jahren einige elektronische Notenschreibsysteme die Angabe von 2 oder 3 Kreuzen als Vorzeichen, weshalb immer öfters Noten mit Vorzeichen im Druck erscheinen.


3. Absolute Tonhöhe und Tonvorrat

Musiker gehen normalerweise von einem genau festgelegten Grundton (A = 440 Hz) aus. Abweichungen kommen vor, die bis ca 443 Hz, seltener 445 Hz reichen können. Der Tonvorrat von Orchester-Instrumenten ist unterschiedlich, beträgt immer deutlich mehr als eine Oktave und kann 8 Oktaven erreichen. Meist sind alle Halbtöne innerhalb des Tonumfangs verfügbar. Einige Instrumente transponieren; d.h. sie klingen anders als notiert, was aber vom Komponisten oder Arrangeur berücksichtigt wird.

Piper haben keinen festgelegten Grundton. Das A (Low A) liegt je nach Bauart und Alter des Chanters zwischen 459 Hz und 485 Hz. (Anmerkung : elektronische Stimmgeräte tragen zusätzlich zur Verwirrung bei, da sie unrichtige Ergebnisse anzeigen oder falsch abgelesen werden können) Einige ältere Chanters oder Spezialanfertigungen liegen näher bei 440 Hz. Der Tonvorrat des Chanters beträgt eine Oktave plus einen Ganzton darunter, also 9 Töne. Die Bordunen liegen einen bzw. zwei Oktaven tiefer als der Grundton des Chanters. Die Pipe klingt zudem anders als notiert, sie ist ein transponierendes Instrument (Low A entspricht ungefähr dem B des Musikers).

Andere als die 9 vorgegebenen Töne werden nicht verwendet. In neuzeitlichen Kompositionen kommen gelegentlich abweichende Halbtonschritte vor, haben sich aber nicht allgemein durchgesetzt, zumal sie selten rein klingen.


4. Gliederung der Tonleiter

Musiker haben eine klar gegliederte Tonleiter, die als temperiert mitteltönig bezeichnet wird. Die Oktave wird in 12 gleich grosse Halbtonschritte gegliedert, die wiederum zu 5 Ganztonschritten und 2 Halbtonschritten zusammengefasst werden. Der unbestrittene Vorteil dieses Systems ist es, dass jede Melodie in jede beliebige Tonart transkribiert werden kann.

Piper benutzen eine Tonleiter, deren Oktav drei grosse Ganztonschritte, 2 kleine Ganztonschritte und zwei Halbtonschritte umfasst. Die Halbtonschritte sind grösser als sie rechnerisch sein dürften, zwei Halbtöne sind also mehr als ein grosser Ganzton. Für einen Musiker mit gutem Gehör klingt diese Tonleiter immer „verstimmt“.

Das korrekte Transkribieren von Pipetunes in andere Tonarten ist beim Tonvorrat des Chanters nicht möglich (ganz wenige Ausnahmen bestätigen die Regel). Bitte beachten Sie, dass der ständig gleich klingende Bordun die Verwendung anderer Tonarten zusätzlich einschränkt, da nicht alle Tonarten zum unveränderten Bordunton konsonant klingen würden, selbst wenn sie vom Chanter her möglich wären. Daraus erklärt sich auch, warum die gelegentliche auftauchende Forderung nach einem chromatischen Chanter von Grund auf sinnlos ist. Tunes in C-Dur bespielsweise wären dissonant zu den drones.

5. Tonarten

Musiker sind an das Dur/Moll-Schema gewöhnt. Tatsächlich wird durch die temperierte Stimmung der Unterschied im Klangcharakter der Tonarten so weit nivelliert, dass bei flüchtiger Betrachtung eben nur Dur und Moll übrig bleibt. Eine pentatonische Leiter klingt in diesem System nur wie eine Tonleiter, der zwei Töne fehlen. Kirchentonleitern sind dem Jazz-Musiker vertraut, dem Orchestermusiker oft ein Buch mit sieben Siegeln.

Piper verfügen durch ihre unterschiedlichen Tonschritte über sehr genau definierte Tonarten mit deutlich unterschiedlichem Klangcharakter. Vergleichen Sie mal die Intervalle der G-Pentatonik und der A-Pentatonik auf dem Chanter. Das sind zwei Welten! Dafür kann der Piper kein A-Dur und erst recht kein A-Moll spielen, obwohl der Grundton der Pipe das A ist.

6. Aufführungspraxis

Musiker spielen gewöhnlich nah an den Noten. Musiker können laut und leise spielen, staccato und legato. Und sie können Pausen machen.

Piper wissen, dass ihre Noten das Musikstück meist nur unvollkommen wiedergeben. Die Erziehung zum Piper beinhaltet daher auch, zu erkennen, wann, wie und warum von den geschriebenen Noten abgewichen werden MUSS. Das betrifft z.B. die gespielte Länge des Tons bei Points and Cuts und die Abweichungen bei den Cadences, um nur zwei Beispiele anzuführen.

Piper spielen immer gleich laut : fortissimo und immer Dauerton. Ihre Verzierungstechnik versucht , einen Eindruck zu erzeugen, als klänge die Pipe lauter oder leiser, mehr legato oder mehr staccato, aber für einen Nichtpiper klingt die Pipe immer gleich laut (meist zu laut!) und immer Dauerton, ohne Pausen.

Die Verzierungstechnik des Pipers ist hoch entwickelt und andere Piper können das auch geniessen, aber für viele Musiker drängen die Verzierungen zu sehr in den Vordergrund und „zerhacken“ die Melodie.


7. Zusammenspiel von Piper und Musiker

Unabhängig von der Frage, ob es prinzipiell sinnvoll ist, wenn Piper und Musiker zusammen spielen, könnte man ein paar Regeln aufstellen.

a) Musiker und Piper dürfen nicht erwarten, dass ihre Instrumente perfekt zusammenstimmen. Selbst eine gewisse Annäherung bei bestimmten Tonarten kann nur eine Annäherung sein und keine Übereinstimmung.

b) Der Musiker muss sein Instrument, falls möglich, auf den Grundton der Pipe stimmen. Das geht am besten bei B- und Es-Tonarten (für Piper A und D). Ansonsten muss der Musiker versuchen, die Tonart des Pipers zu treffen, was bei manchen Instrumenten schwierig sein kann und ungewohnte Griffweisen erfordern kann.
Der Piper kann ihm da durch die Bauart der Pipe bedingt nur wenig entgegenkommen.

c) Der Piper wiederum muss akzeptieren, dass er viele Stücke nicht korrekt spielen kann, weil Intervalle oder Tonvorrat der Pipe dies nicht erlauben. Beispiel : selbst ur-schottische Melodien wie „Auld lang syne“ sind auf der Pipe nicht problemlos möglich.

Ein guter Piper akzeptiert die Grenzen seines Instruments und spielt nur Pipe-Tunes – es gibt genug davon. Es ist sinnlos , Nicht-Pipe-Musik auf einer GHB zu spielen. Das Einzige , was man dadurch erreicht, ist, dass die Vorurteile der Nicht-Piper gegenüber der Pipe verstärkt werden. „I am sailing“ oder „La Cucaracha“ auf der Pipe sind eine Beleidigung für dieses Instrument und eine Zumutung für den Zuhörer.

d) Versuche, die Pipes mit anderen Instrumenten zusammen zu spielen, gehen selten gut und wenn doch, dann sind es meist keine genuinen Pipemelodien, sondern eben Kirchenlieder, Fiddle-Tunes oder Disco-Musik, ich nenne die Aufnahme von „Amazing Grace“, von „Mull of Kintyre“ und die verschiedenen Bearbeitungen von „Highland Cathedral“. Das heisst, in 30 Jahren nur drei Stücke !

Aufnahmen schottischer Bands wie die der Tannahill Weavers oder der Battlefield Band, bei denen Pipes und andere Instrumente kombiniert werden, bestätigen das oben Gesagte, weil auch hier die Pipe nur ihre ureigene Pipe-Musik spielt und die anderen Instrumente sich unterordnen.

 

Juli 2006

 

MacEges Rundbrief