März 2004

 

statt einer Aschermittwochs-Buß-Rede :

 

Echt blöd : Geiz ist geil

Das Blödeste, was im vergangenen Jahr unter die Leute gebracht wurde, ist zweifellos dieser Spruch. Das Zweitblödeste ist die Aufforderung gewisser Kreise an die Verbraucher, beim Einkaufen zu feilschen, um die Preise zu drücken.

Wer hat den Nutzen davon - der Verbraucher? Nö, der a
m allerwenigsten!
Den Nutzen haben diejenigen Händler, die entweder billigst (im Sinne der Qualität) gefertigte Ware zu Dumpingpreisen auf den Markt werfen, oder diejenigen, die überhöhte Preise verlangen und dann "grosszügig" dem feilschenden Kunden einen Rabatt einräumen. Die Frage des Kundendienstes wird oft genug damit erledigt, dass dem Kunde die Adresse einer Dritt-Firma in die Hand gedrückt wird. Soll er schauen, wo er bleibt.

In all diesen Fällen ist der Kunde der Dumme : die Billigware erfüllt, was Gebrauchstüchtigkeit, Verarbeitung, Haltbarkeit, Schönheit angeht, oft nicht die Erwartungen, die der Kunde hat - früher oder später fühlt er sich hereingelegt. Und die Rabattware folgt dem Mechanismus, dass zwar der eine oder andere tatsächlich relativ günstig eingekauft hat. Die meisten können jedoch nicht so gut handeln, bezahlen deswegen überhöhte Preise und finanzieren damit die Rabatte der anderen. Die gemeinste Abzockerei ist dabei die Kombination von Billigware (billig in Bezug auf Qualität) mit Mondpreisen.

Unsere englischen Freunde haben ein Sprichwort : "buy cheap, buy double!" Das bedeutet, wenn Du billig kaufst, hast Du die Ausgaben zweimal. Und die Franzosen haben ein Sprichwort, das übersetzt heisst : "wir sind zu arm, um uns billiges Zeug leisten zu können."

Tatsächlich lehrt die Erfahrung , dass nur derjenige langfristig preiswert kauft, der gute Qualität von einem anständigen Kaufmann oder Hersteller erwirbt. Zu einem fairen Preis, der den Wert der Ware und den Kundendienst honoriert. Dazu ist es erforderlich, dass der Käufer über die Ware Bescheid weiss oder dem Verkäufer trauen kann, dass er ihn korrekt informiert und berät.

Und genau da liegt im Moment das Problem mit den Bagpipes. Der Käufer weiss zu wenig Bescheid. Wenn ein angehender Piper argumentiert, dass das Full-Mounted-Modell des Herstellers X nur dreiviertel von dem kostet, was das Full-Mounted-Modell des Herstellers Y kostet und dass er zudem von dem Händler noch 10 % Band-Rabatt erhält (obwohl er in gar keiner Band spielt), dann sitzt er schon in der Preis/Qualitäts-Falle: Er ist nicht informiert.
Die Bezeichnung "Full Mounted" sagt gar nichts aus über die Qualität, sondern nur über die Ausstattung. Das ist wie beim Auto : zwei Autos können beide "viertürig" sein, trotzdem kann die Qualität sich sehr stark unterscheiden.
Es kann die eine Full-Mounted-Pipe auf der Kopierdrehbank von einem ungelernten Arbeiter heruntergeschroppt sein und mit aufgesteckten Spritzguss-Plastik-Montierungen versehen werden, während die andere Pipe vollständig von einem Instrumentenbauer mit Meisterbrief von Hand gedrechselt wurde, mit Mountings, die auf der Pfeife genau fluchtend und zentrisch gedrechselt wurden. Und während in dem einen Fall die Teile mit der Spritzpistole einen einzigen PU-Lacküberzug erhalten, werden im anderen Fall drei bis zehn Schellack-Wachs-Öl-Schichten aufgebracht und von Hand auspoliert. Ähnliche Unterschiede gibt es bei der Auswahl des Holzes, beim Zusammenbau der fertigen Pipe und beim Kundendienst; wenn z.B. nach 1 Jahr die Blowpipe reisst (was schon mal vorkommen kann).

Auch die Qualifikation des Kaufmanns wird bei uns leider viel zu wenig beachtet. Wenn Fahrräder im Lebensmittelladen verkauft werden, dann wundert es auch nicht, wenn einer gestern T-Shirts verramscht hat und heute sich als Pipehändler bezeichnet. Das ist legal, und der Kunde fragt nicht weiter nach, also ist es egal. Um Pipes verkaufen zu können, genügt ein Gewerbeschein für 20 Euro Gebühr. Mehr braucht es nicht. Ein Sachkundenachweis ist nicht erforderlich, Pipen können muss man schon gar nicht.

Der verantwortungsbewusste Kaufmann als "ehrlicher Makler" zwischen Kunde und Hersteller ist scheinbar ein Auslaufmodell. Er fristet  ein Nischendasein und ist möglicherweise genauso vom Aussterben bedroht, wie die paar Handwerker, die noch ihren ganzen Stolz und ihr Können in JEDES EINZELNE Stück legen, das sie produzieren. Und die nur soviel herstellen, wie sie mit ihren Qualitäts-Vorstellungen vereinbaren können. Wie lange noch?
Es gibt ein paar Gegenbeispiele: Die japanischen Werkzeugschmiede haben mit ihrer vom Zen geprägten Ethik die Kurve gekriegt und bieten ihre handgeschmiedeten Hobeleisen weltweit an, zu Preisen, für die man im Baumarkt einen Anhänger voller Industriehobel erhalten kann. Und ihre Auftragsbücher sind voll. Anderes Beispiel : die Geigenbauer, die pro Jahr 5 oder 6 Geigen von Hand herstellen, zu entsprechenden Preisen. Und es gibt durchaus auch Versandhändler, die kompromisslos ihre Waren nach der höchstmöglichen Qualität auswählen und die nur "die guten Dinge" anbieten. Es geht also.

Die Pipemaker sind leider noch nicht so weit oder schon zu weit. Ich kenne nur zwei, vielleicht drei, die ich in die Kategorie "Meister" nach meinen Anforderungen einordnen würde (einer davon ist Ian D. Murray). Andere habe ich beobachtet, wie sie in den letzten Jahren Automatendrehbänke und EDV-gesteuerte Holzverarbeitungseinheiten aufgestellt haben und/oder wie sie die Produktion in billigere Gegenden verlagert haben und nur noch den Vertrieb machen. Die Qualität ihrer Pipes ist in dem selben Maße gesunken wie ihre  Homepages hochgestylt wurden.

Prinzipiell war die Kunst des Pipemaking noch nie so hoch entwickelt wie heute, aber sie steht am Abgrund, weil die Piper nicht in ausreichender Zahl bereit sind, die Qualität, die sie ja eigentlich wollen, auch zu bezahlen. Geiz ist eben NICHT geil : es gibt keine gute und billige Bagpipe. Es gibt entweder gute Pipes, dann können sie nicht billig sein, oder es gibt billige Pipes in entsprechender Qualität.
"You get what you pay for" - anderes englisches Sprichwort: Du bekommst diejenige Qualität, die Du bezahlst.

Es liegt an uns Pipern, welche Pipe wir kaufen und wie hoch wir die Latte legen. Und wir haben es in der Hand, ob es in ein paar Jahren noch Meister-Bagpipe-Makers gibt.
Denken Sie mal darüber nach.

Reinhold

MacEges Rundbrief