November 2002
How Hard is Hard ?
oder :
Wie hart sollte mein neues Chanter Reed sein?
Es ist immer ein Spagat, ein neues Chanter Reed auszuwählen.
Nimmt man eines, das zu weich ist, dann hält es nicht lange, der Ton ist unbefriedigend und womöglich gurgelt es beim Low G. Andererseits macht das Spielen mehr Freude, da es weniger anstrengend ist.
Nimmt man ein härteres, dann ist der Ton klarer, auch lauter und der Chanter klingt besser. Andererseits ermüdet man schneller und hat womöglich Probleme mit den Drone Reeds.
Ein Freund, erfahrener Piper, der bei den 78th Fraser Highlanders mitspielt, gab mir kürzlich folgenden Rat
“Nimm ein neues Reed, stecke es in den Chanter und blas ihn mit dem Mund. Spiel einfach einen Marsch, den du gut kennst, z.B. Scotland the Brave. Ohne Abzusetzen - teste , wie weit deine Luft reicht.
Wenn du bereits in der ersten Zeile (die ersten 4 Takte) Probleme hast, den Chanter sauber zu blasen, dann ist dieses Reed zu hart.
Wenn du sauber in die zweite Zeile (Takt 5-8) kommst, dann stimmt die Stärke des Reeds.
Wenn du es bis in die dritte Zeile schaffst (Die Wiederholung des Motivs), dann ist dieses Reed zu weich.
Jetzt erst wird das Reed eingeblasen”
Da ist vielleicht was dran. Versuchen Sie es mal.
Einblasen von Reeds
Ein Reed MUSS eingeblasen werden. Es kann gar nicht richtig tun, wenn Sie es neu aus der Versandbox nehmen. Zu diesem Zeitpunkt können Sie nur abschätzen, ob es vermutlich ein gutes Reed sein wird und ob es in Ihrem Chanter passen könnte. Sicher sind Sie da noch nicht.
Das Einblasen wird von verschiedenen Leuten verschieden durchgeführt. Ich bin ein Vertreter der Theorie, dass langsames Einblasen die Lebensdauer des Reeds verlängert, aber es gibt auch ernstzunehmende Leute, die sagen, dass sie lieber schnell ein spielbares Reed haben möchten und dann halt in einem Vierteljahr ein neues nehmen. Wie dem auch sei, mein jetziges Chanter-Reed spiele ich schon über zwei Jahre und es zeigt noch keine Ermüdungserscheinungen.
Zuerst sollten Sie sich ein geeignetes Büchschen aus Kunststoff oder (besser) Blech suchen. Auch kräftige Kartonschächtelchen gehen. Ein Tempo-Taschentuch polstert es gut aus. Das wird Ihr Reed-Behälter (Box). Er MUSS auf jeden Fall luftdurchlässig sein!!! sonst schimmelt das Reed.
Machen Sie das Reed NICHT nass. Nassmachen gehört zur Schnell-Methode, aber über die reden wir später.
Setzen Sie das Reed im Chanter und atmen Sie erst mal 3 - 5 mal langsam durch das Reed. Es sollte noch nicht tönen, kann aber bereits Atemfeuchtigkeit aufnehmen. Dann spielen Sie eine Tonleiter. Spielen Sie jeden Ton, so lange, wie Ihr Atem reicht. Atmen Sie ein und aus und wieder ein und spielen Sie dann den nächst höheren Ton. Wieder so lange, wie Ihr Atem reicht. Berühren Sie das Reed nicht mit den Lippen oder der Zunge. Befeuchten Sie es nicht mit Speichel. Spielen Sie nur die Tonleiter hoch und dann wieder herunter und halten Sie jeden Ton, so lange wie Ihre Luft reicht.
Dann nehmen Sie das Reed aus dem Chanter und verstauen es sorgfältig in der Reedbox.
Das machen Sie jeden Tag, vierzehn Tage lang. Am Schluss wird Ihr Reed viel leichter losgehen als am Anfang. Die Töne werden sauberer kommen. Sie können jetzt das Reed im Chanter sorgfältig setzen und stimmen und dann im Bag weiterblasen. Spielen Sie das Reed im Bag täglich eine viertel Stunde, entnehmen Sie es nach dem Spielen und packen Sie es sorgfältig wieder in die Box.
Sie werden bemerken, dass feine Holzfasern wie ein Bart auf dem Reed hochstehen. Diese Fasern können Sie mit einer scharfen Klinge abrasieren. Aber bitte nicht am Reed selber schaben ! Nur die Bartfasern weg nehmen! Wenn Sie sich das nicht zutrauen, lassen Sie es ! Nach insgesamt vier Wochen ist Ihr Reed eingeblasen und kann jetzt auch für einen Auftritt genutzt werden.
Unmittelbar vor einem Auftritt sollten Sie das Reed zehn Minuten spielen, damit es eingestimmt wird. Es wird sich dann vermutlich während des Auftrittes nicht mehr sehr stark verändern. Es sollte wirklich unmittelbar vor dem Auftritt gespielt werden und nicht eine Stunde vorher und auch nicht 10 Minuten vorher. Das ist manchmal schwer zu organisieren, vor allem wenn Ihr Auftritt eine Überraschung sein soll. Versuchen Sie es trotzdem.
Auch wenn Ihr Reed eingeblasen ist, sollten Sie es nach dem Spielen aus der Pipe nehmen. Sie können es dann wieder in die Reed-Box tun, oder aber, wenn Ihnen das ständige Einsetzen und Nachstimmen lästig ist, einen Reedprotector verwenden. Das ist eine Kunststoffhülse mit Sicherungsschraube, die über das Reed geschoben wird und verhindert, dass das Reed austrocknet oder beschädigt wird. Das Reed bleibt dabei im Chanter.
Ganz nasse Bläser sollten oben im Reedprotector ein kleines Loch von ca. 3mm Durchmesser einbohren (lassen), damit etwas Belüftung stattfinden kann. Trockene Bläser brauchen das nicht.
Jetzt folgt die Beschreibung der Schnellmethode
Pipe Chanter Reed - Schnellmethode
Wie kriege ich ein neues Pipe Chanter Reed zum Laufen ?
Die eindeutig beste Methode wurde oben geschildert. Sie hat nur den Nachteil, dass es lange (2-3 Monate) dauert, bis das Reed eingeblasen ist und viele, vor allem junge Piper, haben auch nicht die Geduld, die diese Methode erfordert.
Deshalb hier die Schnell-Methode.
Sie führt relativ schnell zu spielbaren Reeds, allerdings hat sie den Nachteil, dass diese Reeds manchmal den idealen Sound nicht 100% voll bringen und unter Umständen nicht lange halten. Aber dafür können Sie schnell und unkompliziert mit dem Spielen loslegen. Letzteres ist vor allem für Anfänger und Lernende wichtig, sie wollen lieber spielen als basteln.
Machen Sie das Reed vor dem Spielen nass!
Halten Sie die Blätter des Reeds 2-3 Sekunden in ein Glas mit Wasser, Sie können es dazu im Chanter stecken lassen. Dann spielen sie die Pipe und nach ca. 1 Minute ist das Reed eingeblasen. Wenn es zu hart sein sollte, lassen sich die Blätter im NASSEN Zustand etwas zusammendrücken und dann wird das Reed leichter.
Wir verwenden hier in Herrenberg bei der Band kleine Schraubgläschen (Kapern-Gläser), in denen sich eine Mischung von 1 Teil Wasser und 1 Teil Sakrotan mit einem Schuss klarem Schnaps befindet. Darin tauchen wir das Reed ein. Das Sakrotan verhindert die Schimmelbildung auf den Blättern, der Schnaps lässt die Feuchtigkeit schneller in die Reeds eindringen. Obstler oder Korn ist gut genug, den “Laphroigh” trinke ich lieber selbst.
Nach dem Spielen tupfe ich eventuelle Feuchtigkeit, die sich oben auf dem Chanter angesammelt hat, mit einem Tempo ab und stecke dann das Reed mitsamt Chanter wieder zurück in den Bag, damit das Reed nicht so schnell austrocknet.
Manche Profi-Piper spielen sehr nasse Reeds, andere bemühen sich, ihre Reeds möglichst trocken zu halten. Oboenspieler oder Fagottisten, die ähnliche Reeds wie wir verwenden, weichen sie dagegen oft eine halbe Stunde ein, bevor sie spielen. Es führen eben mehrere Wege zum Ziel. Sie sollten ein bisschen experimentieren und versuchen, herauszufinden, was für Sie persönlich gut ist.
Bitte befeuchten Sie die Reeds NIE mit Speichel. Speichel enthält Verdauungsfermente, die die Reeds angreifen.
enjoy your piping!
reinhold
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