Heiß-Leim - ein Erfahrungsbericht

gefertigt von Reinhold Ege Juni 2004   gesponsort by
MacEge's Bagpipes :
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In den normalen Hobby- und den meisten Schreinerwerkstätten werden überwiegend sogenannte Weissleime (z.B. Ponal) verwendet, von manchen älteren Schreinern auch als Kaltleim bezeichnet. Über Weissleime will ich mich nicht auslassen, obwohl man da auch manches schreiben könnte.



Das Thema heisst heute "Heissleim".



Geschichte
Bereits die alten Ägypter vor 4000 Jahren verklebten Holzverbindungen mit Heissleim, furnierten sogar, und die Verbindungen halten bis heute! Barocke Möbel, Biedermeier, Bauhaus, sogar Gelsenkirchner Barock (Nachkriegsmöbel), alles wurde mit Heissleim verklebt. Bis vor 50 Jahren war der Leimofen in jeder Schreinerwerkstatt fester Bestandteil der Einrichtung.
Stradivari und andere Instrumentenbauer verklebten mit Heissleim und noch heute werden Geigen und andere Saiteninstrumente damit hergestellt.

  Was ist Heissleim?
Heissleim ist ein Leim auf der Basis von tierischem Eiweiss (Bindegewebe), technisch ein Glutinleim - partiell hydrolisiertes Kollagen aus Knochen (tierisches Bindegewebseiweiss). Er wird aus Knochen, Haut oder Fischblasen durch Kochen hergestellt, gereinigt und nach dem Abkühlen in Platten- oder Körnerform in den Handel gebracht.Es gibt ihn in Portionen zu 100 gr, 250 gr. 500 gr und 1000 gr.
Für den Einstieg empfehle ich Knochen- oder Hautleim in 1 kg-Packungen.
Knochenleim ist eher hart und der preiswerteste dieser Leime mit ca 8.-- Euro pro Kilo.
Hautleim ist eher elastisch und kostet ca. 12.-- Euro/kg, Rinderhautleim gilt als der beste.
Hasenleim (aus Hasenhaut) ist hochviskos und sehr elastisch; ca 10.--Euro/kg.
Hausenblasenleim aus der Schwimmblase des Störs (der mit dem Kaviar) ist der Leim für höchste Ansprüche im Instrumentenbau und mit ca 500.-- Euro pro Kilogramm ein bisschen oberhalb der Marke des Hobbyschreiners.
     
Eigenschaften
Als Naturprodukt ist Heissleim umweltfreundlich, ungiftig, riecht angenehm nach Suppe, ist auch bei Hautkontakt völlig unschädlich und auch versehentliches Verschlucken schadet nicht.
Der unverarbeitete Leim ist in trockenem Zustand praktisch unbegrenzt haltbar, kann sogar ausfrieren. Leimverbindungen halten (trocken !) ewig, siehe die Ägypter.
Trotzden sind diese Verleimungen reversibel, d.h. sie können durch Erwärmung, Befeuchten und/oder Bedampfen gelöst werden. Auch noch nach Jahrhunderten. Instrumentenbauer und Restauratoren nutzen das für Reparaturen.
Auch beim Hobbyschreiner ist die Lösbarkeit von Heissverleimungen sehr beliebt, denn nicht jede Verleimung stimmt auf Anhieb. Heissleimfugen können durch Erwärmen weich gemacht und korrigiert werden. Nach dem Abkühlen nimmt der Leim wieder seine vorherige Festigkeit an.
Angerührter Leim kann immer wieder aufgewärmt werden.
Heissleim kann in bestimmten Umfang Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben; zwischen Hölzern unterschiedlicher Feuchte findet dann ein Austausch statt.
Heissleim bindet in 2 Stufen ab : nach ca 5 - 10 Minuten ist eine Verbindung durch Abkühlen des Leims so fest, dass bereits ausgespannt werden kann - ein Schmelzkleber mit hoher Anfangshaftung. Über Nacht trocknet der Leim dann durch Feuchtigkeitsabgabe weiter aus und die Leimfuge ist dann belastbar - ein Eiweisskleber mit ausserordentlicher Festigkeit.
Leimfugen und ausgetretener Leim können geschliffen werden und schmieren nicht. Beim Beizen zeichnen sie sich fast nicht ab.

Wie alles Gute hat auch Heissleim ein paar nachteilige Eigenschaften : Wärme ab 75 Grad Celsius und hohe Feuchtigkeit bzw. Dampf hält er nicht oder nicht lange aus. In feuchter Umgebung gelagerter Leim kann schimmeln.
Weil er so schnell anzieht, muss beim Verleimen sehr schnell gearbeitet werden und es kann ratsam sein, Holzteile vor dem Verleimen zu erwärmen. Zum Furnieren sollten Wärmebleche verwendet werden.
Bei Kontakt mit Eisen und Kupfer kann er sich verfärben und verliert Klebkraft, deshalb muss er in emailierten Gefässen oder Gläsern angerührt werden, auch der Pinsel zum Auftragen soll keine Metallzwinge, sondern eine Fadenwicklung oder Kunststoffzwinge haben.
So richtig spontan kann man nicht mit ihm arbeiten, er muss vor Verwendung heiss gemacht werden.

Meiner Meinung nach überwiegen die Vorteile.
  Leimplatten

Leimplatten , vermutlich Knochenleim

Das obige Bild zeigt links zwei ca 40 Jahre alte Leimplatten aus der Werkstatt eines Sattlers (mein Grossvater). Ich habe einen ganzen Stapel davon
Sie sind immer noch brauchbar.

Rechts, schräg über die anderen Platten gelegt, liegt eine über 60 Jahre alte Knochenleimplatte aus einem Kellerfund in einer alten Schreinerei.
Sie wurde regeneriert und die Bilder weiter unten zeigen die weitere Verarbeitung.

     
Verarbeitung - Anrühren
Das Anrühren des Heissleims wird von Leuten, die damit keine Erfahrung haben, als umständlich, lästig und schwierig bezeichnet. Das ist falsch. Am Anfang muss man ein bisschen aufpassen, aber nach dem zweiten oder dritten Mal geht es ganz leicht und nebenher. Das Anrühren und Verarbeiten von Zweikomponentenkleber ist meiner Meinung nach schwieriger und birgt zudem Gesundheitsgefahren.

Das Vorbereiten des Heissleims umfasst (zwei) drei Stufen : Ansetzen , Heissmachen , (Wiedererwärmen).
  Ansetzen des Leims
Geben Sie ca 100 - 200 gr. trockenen Leim in Perlenform oder 1 bis 1,5 zerschlagene Platten in ein Glasgefäss (diese grossen Joghurt-Gläser mit Schraubdeckel sind perfekt geeignet). Das Gefäss soll ungefähr dreiviertel voll sein. Schütten Sie (warmes) Wasser dazu, bis der Leim fast bedeckt ist. Das Mischungsverhältnis ist absolut unkritisch - alles nach Gefühl.

Über Nacht stehen lassen.

     
Heissmachen
Leim darf nicht heisser als 75 Grad Celsius werden, sonst zersetzt er sich. Er braucht ca 65 Grad, um korrekt zu kleben. Sie brauchen kein Laborthermometer kaufen, wenn sie den Leim im Wasserbad (Bain Marie)erwärmen. Nehmen Sie eine kleine Kasserole, stellen das Glas mit dem Leim hinein und füllen soviel Wasser ein, bis Wasserspiegel und Oberfläche des Leimes ungefähr auf gleicher Höhe sind. Dann schalten Sie die Kochplatte ein und kurz bevor das Wasser kocht, regulieren Sie die Wärme herunter. Bei mir ist das ungefähr Stufe 2-3 von 10, hängt vom Herd ab. Rühren Sie die Leim/Wasser-Mischung gelegentlich mit einem Stäbchen um. Wenn das Wasser in der Kasserole blubbert, ist es zu heiss (Platte eine Stufe tiefer regeln), wenn der Leim eine Haut an der Oberfläche bildet, ist das Wasser zu kalt und die Herdplatte muss eine Stufe wärmer gestellt werden. Nach ungefähr einer Stunde (Sie müssen nicht daneben stehen, nur gelegentlich nachschauen und umrühren) hat sich der Leim verflüssigt und das Wasser aufgenommen.

Nun kommt ein Schritt, der etwas Gefühl und Erfahrung verlangt - aber Sie werden das schnell lernen : Sie müssen die richtige Konsistenz einstellen: der fertige Leim soll wie dünnflüssiger Honig oder dicker Sirup vom Rührstäbchen fliessen.
Klumpt er, ist er entweder nicht heiss genug, oder er enthält zu wenig Wasser. Erst mal schauen, ob sich an der Oberfläche eine Haut gebildet hat. Ist keine da, dürfte die Temperatur stimmen. Also ein ganz klein wenig gut warmes, aber nicht kochendes Wasser in den Leim giessen, umrühren und nochmals testen. Solange , bis die Konsistenz stimmt.
Wenn an Ihrem Rührstäbchen kein Leim hängen bleibt, weil er sofort abläuft, dann ist er zu dünn. In diesem Fall gibt man einfach ein paar Perlen oder Stückchen der Leimplatten in das Glas und löst sie durch Umrühren um. So lange, bis die Konsistenz stimmt. Das dauert etwas länger als beim Verdünnen, weshalb ich normalerweise den Leim zuerst etwas zu dick ansetze und dann gebrauchsfertig herunterverdünne.
Nochmals : das genaue Mischungsverhältnis und die genaue Temperatur ist unkritisch - die Toleranzbreite ist gross - Apothekerwaagen und Laborthermometer werden nicht benötigt.
  Leim ist zu dickflüssig

Dieser Leim ist zu dickflüssig . Er klumpt.

Es muss noch Wasser zugegeben werden.

     
Wiedererwärmen
Leim, der übrig geblieben ist, können Sie im Glas lassen und jederzeit unter Zugabe von etwas Wasser und Wärme wieder gebrauchsfertig machen. Wenn Sie das Glas zuschrauben, schimmelt der Leim ziemlich schnell. Sie müssen also das Glas offen stehen lassen und hoffen, dass der Leim schneller austrocknet, als sich die Schimmelsporen einfinden. Das ist der traditionelle Weg.

Meine Methode : ich gebe etwas Konservierungsmittel in den flüssigen Leim. Nichts Schlimmes - nur ganz gewöhnliches Vitamin C und auch nicht viel, nur eine Messerspitze voll auf ein ganzes Glas Leim. Reines Vitamin C ist als Ascorbinsäure preiswert in Pulverform in Apotheken erhältlich oder in der "gesunden" Ecke im Lebensmittelmarkt.
Sie können dann unbesorgt das Leimglas zuschrauben und sparen sich dadurch beim Wiedererwärmen eine ganze Menge Zeit, denn der Leim hat schon seine notwendige Feuchtigkeit und wird schneller weich. Ich habe das oft getestet und mache das schon jahrelang so, ohne dass die Haltbarkeit des Leims und der Verleimungen schlechter geworden wäre.

Verarbeiten
Kleine Klebefugen, zum Beispiel beim Aneinander-Fügen von Brettern, können Sie mit einem metallfreien Pinsel beidseitig einstreichen, danach die beiden Bretter ein paarmal gegenseitig verschieben, bis sie "ziehen". Es schiebt sich ein Leim-Faden aus der Fuge. Wenn die Bretter sauber gehobelt wurden, ist exzessives Pressen nicht erforderlich. Nur gegen Verrutschen sichern - das reicht. Sie können nach einer Viertelstunde die Zwingen lösen und die Bretter gegen die Wand lehnen.
Grössere Verklebungen wie Furniere müssen mit heissen Blechen warmgehalten werden. Da fehlt mir die Erfahrung - ich sage nichts dazu.
Bei Rahmen oder Zargen muss das Werkstück zuerst "trocken" ohne Leim zusammengesetzt und alle Zwingen angesetzt werden. Erst dann, wenn alles klar ist, das Stück wieder auseinandernehmen und richtig verleimen. Am besten arbeiten Sie beim Verleimen mit einem gut eingearbeiteten Partner zusammen, denn jetzt muss alles sehr schnell gehen, weil der Leim sehr schnell abkühlt und bindet.
  Leim ist genau richtig

Jetzt ist der Leim genau richtig : er fliesst wie dünner Honig ab.

Der Leim ist gebrauchsfertig, wenn aller Leim aufgelöst ist, keine Haut auf der Oberfläche schwimmt und wenn der Leim vom Stäbchen fliesst wie dünner Honig. Geben Sie einen Tropfen Leim auf die Zeigefingerkuppe. Es muss sich die erste Sekunde ein bisschen heiss anfühlen, dann pressen Sie ein/zwei Sekunden den Daumen auf die Stelle und nehmen ihn langsam wieder weg. Die beiden Fingen müssen deutlich aneinander haften und der Leim muss Fäden ziehen. Dann ist er richtig.

     
Weitere Verwendungsmöglichkeiten
Für mich als Hobby-Drechsler ist Heissleim ein wahrer Segen.

1. Die Hirnholzenden von frisch gefällten Stämmen oder Stammabschnitten lassen sich mit Heissleim und einem Stück Packpapier schnell versiegeln. Da der Heissleim Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben kann, findet eine kontrollierte Trocknung des Holzes über das Hirnholz statt - RISSEFREI!!!

2. Gespaltene Drechselstücke, z.B. Halbsäulen für Schränkchen/Uhrgehäuse oder Viertelbretter für Eckkonsolen können mit Heissleim sicher als Halb/Viertelsrohling verklebt und nach dem Drechseln wieder durch Erwärmen getrennt werden.

3. Blindholzstücke für das Aufspannen von Schalen mit glattem oder gerundetem Boden können durch Heissleim sicher befestigt werden. Oft verzichte ich dann auch auf das Zwischenpapier.
  4. Eine sehr dünne Leimbrühe ist gut geeignet als "Schnellschliffgrund", wenn nachher eine Schellackoberfläche erzeugt werden soll. Der Leim schmiert nicht beim Schleifen, hält die Fasern fest, so dass sie sauber geschnitten werden und dient gleichzeitig als Porenfüller.

5. Versehentlich zu gross gebohrte Zapfenlöcher bzw. zu klein gedrehte Zapfen lassen sich korrigieren, indem Hanf stramm um den Zapfen gewickelt wird, mit Heissleim getränkt und nach dem Abbinden auf genauen Durchmesser gedreht wird.

6. Zu gross gewordene Einstiche für das umgedrehte Einspannen von Schalen werden durch etwas Heissleim verkleinert. Die Schale passt dann haarscharf.
     
Noch ein extremer Erfahrungsbericht:
Ich erhielt vor einiger Zeit ein paar alte Leimplatten (Heissleim, Haut- oder Knochenleim) aus einer alten Schreinerei. Der Schreiner hatte 1941, als er zum Krieg eingezogen wurde, den Leim neben einigen anderen Gegenständen im Keller versteckt. Erst Anfang 2004 wurde beim Ausräumen der Leim wieder entdeckt - er war äusserlich nicht sehr ansehnlich, auch verdreckt, zeigte einige Schimmelschäden, aber erstaunlich wenig bei der Feuchtigkeit im Keller. Ich wollte ihn nicht entsorgen, sondern dachte, dass er für die Papierverklebung von nassen Stammholzenden noch brauchbar sein könnte. Also weichte ich ihn ganz normal ein. Die Stücke wurden oberflächig sofort klebrig, aber weichten in einer Nacht nicht durch. Trotzdem beschloss ich, den Leim zu erhitzen. Ganz normal im Wasserbad. Nach 4-5 Stunden waren immer noch grosse, nicht aufgelöste Stücke vorhanden. Der Geruch war übrigens in Ordnung : wie Rindfleischbrühe. Über Nacht schaltete ich den Herd ab, am anderen Morgen wieder an. Insgesamt wurde der Leim über 12 Stunden gekocht ( durchweg zwischen 65 und 70 Grad - thermometer-kontrolliert), die Konsistenz eingestellt und spasseshalber ein paar Probeleimungen durchgeführt. Sie hielten einwandfrei und ich konnte keinen Unterschied zu normalem Leim feststellen. Im Leimglas sammelten sich unten ein paar Sandkörner an, die durch Abfiltern mit einem Tuch beseitigt wurden. Eine kleine Messerspitze Ascorbinsäure als Konservierungsmittel wurde eingerührt und dann das Glas verschlossen. Es steht nun schon seit mehreren Wochen bei Zimmertemperatur in der Küche und hat noch keinen Schimmelbefall.
 

Frage :

welcher andere Leim ist
nach über 60 Jahren
noch verwendungsfähig ?

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